Das Geheimnis der Eulerschen Formel

博士の愛した数式

Aufbau , 250 Seiten, ISBN:978-3746629445

Originalausgabe: Shinchôsha 2003
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold

Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Alle 80 Minuten verliert der ehemalige Mathematikprofessor seine Erinnerungen. Auch wenn sein Kurzzeitgedächtnis nach einem Autounfall beschädigt wurde, sein Kopf funktioniert ansonsten einwandfrei und so lehrt er seine neue Haushälterin eifrig die Schönheit der Zahlen.

Die Haushälterin und zugleich Erzählerin, die wie alle Figuren im Roman namenlos bleibt, ist schon die zehnte Haushaltshilfe beim Professor. Sie ist aber zugleich diejenige, die es am längsten mit ihm aushält, denn sie beginnt den schrulligen alten Mann, der sich hinter seiner Welt der Zahlen versteckt und seine Kleidung überall mit kleinen Erinnerungszettelchen versieht, in ihr Herz zu schließen.

Zwischendurch ist das Verhältnis der beiden harmonisch und durch die Erzählerin, die den Professor immer besser kennenlernt, entsteht der Eindruck, die Bindung zwischen den beiden würde sich vertiefen. Doch immer wieder erlebt sie verletzende Rückschläge, muss nach 80 Minuten ganz von vorne beginnen.

Ogawa spielt mit diesem Buch nicht nur ein interessantes Gedankenspiel durch, das die zwischenmenschlichen Beziehungen infrage stellt, sondern sie widmet sich dieses Mal thematisch einem Fach, das von Schriftstellern nicht oft angegangen wird: Der Mathematik. Erklärungen zu besonderen Zahlen und Rechnungen werden immer wieder in den Roman eingeflochten. Mit der Zeit steigert sich der Schwierigkeitsgrad, die Gedankengänge sind aber mit Oberstufenmathematik einfach nachzuvollziehen.

Mathematik wird hier ästhetisiert, zu einer rätselhaften Sache, wird genauso geheimnisvoll wie die Finger, Ohren und vielen kleinen, eigentlich unbedeutenden Gegenstände, die Ogawa in ihren Romanen oft mit so viel Liebe zum Detail beschreibt. Und eines hat die Mathematik mit diesen Gegenständen auch gemeinsam:

„Die Ordnung der Zahlen ist deshalb so schön, weil sie im alltäglichen Leben keinen Nutzen hat.“ (162)

Besonders ist dieses Buch also nicht nur wegen seiner ruhigen Erzählweise und den fein geschilderten zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern es spricht dieses Mal zusätzlich einen ganz neuen Leserkreis an. Wer selber einen Mathematiker oder Physiker kennt, der so engagiert ist wie der Professor, wird sicher viele Parallelen zwischen den beiden feststellen und oft schmunzeln müssen. Und wer selber eine Vorliebe für diese beiden Fächer hat, für den ist das Buch ein absoluter Geheimtipp.

Verfasst am 20. Februar 2012 von

Das Geheimnis der Eulerschen Formel
Aufbau 2013, 250 Seiten, 8,99 € ISBN: 978-3746629445
Originalausgabe: Shinchôsha 2003
Fazit
Ogawa macht Mathematik und Zahlen zum Thema der Literatur und zeigt, dass auch den Zahlen ein Zauber innewohnt.

Kommentare

  1. Als begeisterter Leser von Yoko Ogawa war ich sofort abgeschreckt als ich den Inhalt las. Freute mich schon über die neue Veröffentlichung. Doch als ich was von Mathematik und Physik las, zwei Fächer die mich wirklich leiden ließen, war ich schon bedient. Das hat also nichts mit der Abneigung dem Buch gegenüber, sondern viel mehr mit einer persönlichen Erfahrung^^

    Deine Rezension jedoch hat mir wieder lust gemacht. Die typische Yoko Ogawa Magie scheint ja dennoch in der Geschichte erhalten zu sein. Eine Chance kriegt das Buch definitiv von mir.

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